Das Haus in der Marktstraße 27 in Ravensburg.

Folgender Text wurde aus dem Heft 3 Altstadt Aspekte `93
"Ravensburger Kostbarkeiten", von Beate Falk, übernommen.

Geht man die Marktstraße in Richtung Obertor hinauf, so fällt linksseitig das stattliche Gebäude Marktstraße 27 mit seiner überaus breit gelagerten Fassade und den gotischen Blendbögen unwillkürlich ins Blickfeld. Es handelt sich in seiner Bausubstanz um einen durchgängigen zweistöckigen Steinbau, der in den Jahren 1436 und 1493 aus zwei Einzelgebäuden entstanden ist. Massiv gemauerte Häuser konnten sich zu jener Zeit nur sehr reiche Bürger leisten; die preiswertere und in Ravensburg gebräuchliche Bauart war der Fachwerkbau.
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Das heutige Musikhaus Lange in der Ravensburger Marktstraße 27.






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Auf dem rechten Bogen befindet sich das Wappen der Gäldrich.



Welche Ravensburger Patrizierfamilie besaß im 14./15. Jahrhundert soviel Reichtum und Ansehen, daß sie sich mit einem solchen repräsentativen Bau schmücken konnte? Im Jahr 1473 ist aus den Steuerbüchern nachweisbar, daß die Familie Gäldrich dieses Haus besaß.
Der Saal, der durch die Zusammenlegung zweier Häuser an der Marktstraße, Mitte oder Ende des 15. Jahrhunderts, schuf ein dem Status der Familie angemessenes Gebäude, das sich durch die doppelte Parzellenbreite von den übrigen Häusern in dieser Straßenzeile abhob. Im ursprünglich wohl mit Steinplatten belegten Erdgeschoß befand sich die große Halle, die als Verkehrsachse diente und die Durchfahrt zum Hinterhaus Roßbachstraße 6 ermöglichte. Ein gewölbter Raum, der sich wie die Halle ebenfalls nicht mehr erhalten hat, barg, da er als feuersicher galt, vermutlich die Geschäfts- und Familienpapiere.




Der erste Stock war den Wohnzwecken des Hausherrn vorbehalten. An der Aussenfassade fällt hier ein Fensterband mit dreimal zwei Fenstern auf, die etwa die Mitte der Straßenseitigen Fassade einnehmen. Dahinter verbirgt sich die große Stube oder auch Saal genannt. Im Inneren überrascht neben der gewölbten gotischen Segmentbalkendecke vor allem die elegante Fensterfront, die, von außen betrachtet, zunächst eine strenge Architektur erwarten läßt. Der gerade Fenstersturz wird jedoch im Inneren von zwei Segmentbögen überfangen, die ihrerseits auf einem zierlichen, profilierten Schmuckpfeiler aufliegen. Dieser von der Wand abgerückte, freistehende Fensterpfeiler ist das eigentliche Schmuckstück des Raumes.





Die tonnenschwere Decke, die den mit ca. 56 m² großen, fast quadratischen Saal überspannt, trägt geschnitzte Zierelemente, wie sie bei anderen spätgotischen Decken ebenfalls gebräuchlich sind. Leider fehlt das Wappen der Gäldrich. Vermutlich war es im Scheitelbrett der Decke eingeschnitten, das 1895 von dem damaligen Hausbesitzer Carl Wirth, gegen eine Rankenschnitzarbeit mit zwei Löwen im neugotischen Stil ausgetauscht wurde.

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Das Patrizierhaus in der Marktstraße besteht aus Vorder- und Hintergebäude. Das Hintergebäude Roßbachstraße 6, das wegen des bis 1890 offen fließenden Roßbachs nur über die Marktstraße zugänglich war, ist im Gegensatz zum Haupthaus ein Fachwerkbau des 15. Jahrhunderts. Im Erdgeschoß befanden sich die Pferdeställe. Im ersten Stock haben sich zwei gotische Räume erhalten, die wohl ebenfalls zum Privatbereich der Familie Gäldrich gezählt werden müssen. Über einen weiteren Saal, der jedoch mit einer flachen, eben liegenden Balken-Bohlen-Decke ausgestattet ist, gelangt man in eine kleine, ca. 4 x 5 m messende Stubenkammer, deren vertäfelte Wände aus 45 cm starken Blockbohlen bestehen. Die gewölbte Segmentdecke entspricht mit ihren Ornamenten dem Dekor der großen Stube im Haupthaus. Das zweite Obergeschoß des Hinterhauses wurde 1923 vermutlich durch Brand zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Die Familie Gäldrich war ab 1629 in Ravensburg nicht mehr präsent, hielt jedoch weiterhin an diesem Stadtpalais als Familienbesitz fest. Erst 1728 verkaufte Maria Sybilla Gäldrich von Sigmarshofen den gesamten Komplex.

Die Erinnerung an diese für Ravensburg so bedeutende Familie blieb in dem "Gäldrichweg" erhalten, der im ehemaligen Rebbesitz der Familie liegt, den sie 1728 mit Torkel und Bannwein ebenfalls veräußerte.
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