Der Handel der GELDREICH
Zum Erwerb des, in dem Kapitel „Die Besitze“ beschriebenen Eigentums, mussten unsere Vorfahren in kurzer Zeit viel Geld verdienen. Auch zur Ausübung der Ämter war Geld unabdingbar. Dies war unter den damaligen Umständen mit der üblichen Arbeit als Bauer, Weber und Schmied nicht möglich. Sie beschäftigten sich mit dem Handel von Waren. Zu vermuten ist, dass die Geldreich durch den Weinbau ihr Anfangsvermögen verdienten. Nachzuweisen ist ein Geldreich Torquel (= Kelterei + Lager) in Ravensburg, mit Weinverkauf. Auf welche Weise Sie zum Handel kamen, ist uns bisher noch nicht bekannt. Die ersten Hinweise über die Entstehung des Vermögens unserer Vorfahren waren die Zugehörigkeit zur grossen Ravensburger Handelsgesellschaft.

Die große Ravensburger Handelsgesellschaft wurde um 1380 gegründet. Von 1380 bis ca. 1530 war sie, gemessen am Kapital und Ausdehnung der Handelswege, das größte deutsche kaufmännische Unternehmen des späten Mittelalters. Es entstand durch den Zusammenschluss der Kaufmannsfamilien Humpis und Mötteli, welche vermutlich verschwägert waren.

Als erster Geldreich, wurde Hainz Gäldrich 1397 erwähnt. Weitere bekannte Mitgliederfamilien waren die Ankenreute und Täschler.

Gehandelt wurde in der Anfangszeit mit Leinwand und Barchent (ein Gewebe, bei dem die Kettfäden aus Leinen, die Schussfäden aus importierter Baumwolle bestanden). In Schwaben, Allgäu und dem Bodenseeraum gab es überwiegend Flachsfelder, das Rohmaterial für die Leinweber. Die damals wichtigsten Textilorte waren Biberach, Konstanz, Memmingen und Ravensburg. In der Anfangszeit wurde hier das Leinwand und Barchent gekauft.

Das Handelsnetz der grossen Ravensburger Handelsgesellschaft war weit gespannt. Zentrum und Sitz waren Ravensburg mit Geschäftszweigen in St. Gallen, Konstanz und Memmingen. Dazu kamen wechselseitige Nahbeziehungen zu den Nachbarstädten Biberach, Ulm, Wangen, Kempten und Lindau, sowie der wichtige Handel auf den Messeplätzen Frankfurt und Nürnberg. Hauptniederlassungen waren in Italien: Venedig, Mailand Genua und in der Schweiz Genf. In Frankreich: Lyon, Avignon, in Spanien: Barcelona, Saragossa, Valencia, in Flandern: Brügge. Dazu kamen Vertretungen an vielen Orten, die Teils von Gesellschaftern, teils von Einheimischen geführt wurden. Bis jetzt liegen uns noch keine Hinweise vor, ob auch ein Geldreich eine ausländische Hauptniederlassung, oder eine Vertretung leitete. Hier sind wir noch auf der Suche.

Gehandelt wurde beispielsweise zwischen Ravensburg und Lyon in folgender Weise. Man verkaufte nach Lyon Leinwand, Barchent, Seide, Gewürze, Südfrüchte, Zucker, Reis, Oel, Farbstoffe, und kaufte in Lyon die gleichen Waren wiedetr ein. Dies bedeutete das man die Waren an einem Ort kaufte, und am nächsten Ort verkaufte. Der Handelsweg beispielsweise von Ravensburg nach Lyon, führte über Konstanz, Zürich, Bern, Genf nach Lyon, also mit der Kutsche über den Landweg. Wollte man die Ware weiter nach Valencia transportieren, ging der Weg weiter über Avignon, nach Aigues Mortes, dort wurde dann verschifft, und über Barcelona , Tortosa nach Valencia transportiert. In Nürnberg, Krakau, und Wien wurden überwiegend Metallwaren gekauft und Gewürze und Südfrüchte verkauft. Mit Gold und Silber wurde nicht gehandelt, ebenso wurden keine Geldgeschäfte getätigt.


Frachtschiffs mit signierten Fässern verschiedener Firmen.
Teilansicht einer Nachzeichnung eines Scheibenrisses von Daniel Lindtmayer, 1582.
Die Aufgabe der Mitglieder bestand im Transport der Waren, im Kauf und Verkauf. Die verdienten Mitglieder leiteten die Geschäfte vermutlich nur noch von Ravensburg aus. Ende des 15. Jahrhunderts hatten die Gäldrich ein Vermögen von 36.000 fl bei der Ravensburger Handelsgesellschaft und waren somit der sechst größte Teilhaber. Dies entspricht auf das heutige Vermögen umgerechnet ca. 8 Millionen Euro.

1477 schieden die Gäldrich aus der großen Ravensburger Handelsgesellschaft aus und schlossen sich der Ankenreutegesellschaft an. Diese Abspaltung kam durch Streitigkeiten über den Handel in Spanien. Die Ankenreutegesellschaft stand in Konkurrenz zur Ravensburger Handelsgesellschaft. Hans Gäldrich war 1510 im Vorstand der Ankenreutegsellschaft, welche sich aber ca. 1530 wieder auflöste. Vermutlich schlossen sich die Gäldrich dann wieder der Ravensburger Handelsgesellschaft an.

Um die Jahrhundertwende (um 1600) löste sich dann auch die große Ravensburger Handelsgesellschaft, bedingt durch die immer stärker werdende Konkurrenz der Fugger und Schwerfälligkeit der Organisation, auf.




Wie alle mittelalterlichen Handelsgesellschaften und selbständige Kaufleute hatte auch die "Große Ravensburger Handelsgesellschaft" ein Handelszeichen.

Es wurde nicht nur um Schriftverkehr verwendet, sondern man bezeichnete und kennzeichnete Ballen und Waren, überhaupt das ganze Eigentum der Gesellschaft damit.

Das Zeichen bestand in einer welligen Bodenlinie, auf deren Mitte ein Balken steht, von dem links aus gehend einen weiteren und rechts zwei weitere Balken ausgehen. Unterhalb der Linie des ersten Striches bzw. Balken ist durch einen Querstrich ein Kreuzchen hergestellt, wodurch der religiöse Moment zum Ausdruck kommt. Das Ganze soll wohl einen Baum, bestehend aus Stamm und drei Ästen ohne Blätter darstellen, denn Claus Steinhüsler schreibt in seiner Abrechnung über die Safran-anlegung zum Schluß: " und wasß gezeichnott mit dem pom" (34), d. h. "und gezeichnet ist mit dem Baum". Daneben befindet sich das eben erwähnte Handelszeichen, aus einem Ihrer Geschäftsbücher.

Die Initialien beziehen sich auf den Gesellen Friedrich Grünenberg von Konstanz.
Quelle: General-landesarchiv Karlsruhe 67/1686, fol.25a.





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